Von der Fehlerkultur zur Lernkultur. Oder: „Wir machen Fehler. Und wir lernen daraus.“

„Wer arbeitet macht Fehler. Wer viel arbeitet, macht viele Fehler“, so ein alter Spruch. Der Umkehrschluss würde heißen: „Wer wenig Fehler machen will, muss (einfach) weniger arbeiten. Und wer keine Fehler machen will…“, bitte tragen Sie hier selbst Ihre Antwort ein.

Wir merken an diesem kleinen Wort- und Satzspiel: So einfach geht der Umkehrschluss nicht. Denn Fehler gehören zu unserem Leben, zu unserer Arbeit. Entscheidend ist, was danach passiert oder wie es so schön heißt: „Es kommt darauf an, was man daraus macht.“ Vertuschen? Abstreiten? Leugnen und Schuldige suchen? Oder: Die Folgen transparent machen, Verantwortung übernehmen und daraus lernen. Denn lernen heißt: sich weiterentwickeln – als Mensch, als Team, als Unternehmen.

Lernkultur

Nur: Wo haben wir das gelernt?

Ich hatte einen Schulkameraden, der war nicht gerade ein Fremdsprachengenie. Und er war etwas faul. Einmal bekam er eine Klassenarbeit zurück mit den Worten: „66 Fehler. Note 6.“ Das war ihm dann doch etwas zu viel. Er war in seiner Ehre angekratzt. Also setzte er sich an seinen Schreibtisch, büffelte Vokabeln und Rechtschreibung mit dem Ziel, einfach besser zu sein als beim letzten Mal. Das gelang ihm auch. Als er die nächste Klassenarbeit zurückbekam, lobte ihn der Lehrer: „Toll gemacht, Du bist viel besser geworden. Nur noch 32 Fehler. Note 6.“ Lust auf Fehler? Seit diesem Erlebnis sicher nicht mehr.

Wir haben nicht gelernt, dass ES nicht gut ist, wenn wir Fehler machen, sondern wir haben gelernt, dass WIR nicht gut sind, wenn wir Fehler machen.

Weil wir „Fehler machen“ immer mit unserer Identität verbinden, fällt es uns so schwer, sie anders als negativ zu sehen. Wer Fehler macht, ist schlecht. Und das will nun wirklich keiner von uns sein. Daher schieben wir sie auf andere ab und leugnen unsere Verantwortung.

Fehlerkultur in Unternehmer?

Viele Unternehmen befassen sich mit ihrer „Fehlerkultur“. Dabei geht es um die Fragen:

  • Was bezeichnen wir als Fehler?
  • Welche Fehler sind vermeidbar?
  • Welche dürfen auf keinen Fall gemacht werden?
  • Und: Welche sind sogar erwünscht? Aus welchen können wir lernen?“

Doch was ist das eigentlich, eine „Fehlerkultur“?

Die Kulturanthropologin Mary Douglas hat dies einmal sehr schön zusammengefasst: „Kultur ist im Kern das, was einer Gruppe wichtig ist. Sie ist auf der einen Seite immer und überall präsent, auf der anderen Seite aber so selbstverständlich, dass sie für ihre Mitglieder nicht mehr sichtbar ist und darum nur sehr schwer wahrgenommen werden kann… Die Organisationskultur gibt vor, welches Verhalten erwünscht und welches unerwünscht ist. Damit beeinflusst sie auch den Umgang mit Fehlern. Sie bestimmt, ob sich Fehlervermeidung, Fehlerfreundlichkeit oder eine differenzierte Umgangsweise mit Fehlerstrategien im konkreten Verhalten der Organisationsmitglieder ausprägen: Scham, Angst – Offenheit, Lernbereitschaft, Schadenfreude – Unterstützung.“ (Quelle: Mary M. Douglas zitiert nach Schüttelkopf, Elke, Erfolgsstrategie Fehlerkultur, Wien 2007.)

Allein das Fragewort macht einen Unterschied.

Anstelle von „Wer hat diesen Fehler gemacht?“ tritt die Frage „Weshalb ist dieser Fehler passiert?“ Mit der ersten Frage wird der Fehler an einer Person festgemacht, mit der Folge, dass Fehler verborgen und abgestritten werden, mit der zweiten Frage wird der Blick auf das System gerichtet und geklärt, welche Ursachen zu dem Fehler geführt haben und wie er zukünftig verhindert werden kann. Die Organisation und die Verantwortlichen beschreiten damit den Weg des Lernens, sie gestalten ihre positive Fehlerkultur.

Damit ist die Gefahr gebannt, auf die Reiner Petek hingewiesen hat: “Ich habe den Eindruck, dass die Diskussion über Fehlerkultur in den meisten Organisationen eine sehr oberflächliche ist. Zumeist handelt es sich dabei um eher theoretische Diskussionen, weil die meisten Unternehmen eine Fehlervermeidungskultur leben. Realität in vielen Organisationen ist, dass Fehler nicht passieren dürfen und Scheitern verpönt ist. Die Folgen davon sind fehlende Übernahme von Eigenverantwortung, eine Absicherungskommunikation in der cc-Zeile, Entscheidungsdelegation nach oben, und wenn dann doch etwas schief geht: Fehlervertuschungen, Schuldzuweisungen und Sündenbocksuche.“ (Quelle: Reiner Petek, Mit dem Nordwand-Prinzip das Ungewisse managen, Wien 2006, zitiert nach Schüttelkopf, Wien 2007.)

„Fehlerkultur“ durch „Lernkultur“ ersetzen

Aus diesen Gründen gibt es Unternehmen, die nicht mehr von „Fehlerkultur“ sprechen, sondern von einer „Lernkultur“. Denn Worte schaffen ein neues Denken, Worte schaffen ein neues Handeln, Worte schaffen eine neue Realität. Weg von einer „Fehlerkultur“ hin zu einer „Lernkultur“.

Dann wird das Lernen aus Fehlern nicht mehr nur ein sachliches Korrigieren von gemachten Fehlern oder ein ängstliches Vermeiden von eventuell möglichen Fehlern. Fehler in einer „Lernkultur“ zu machen, heißt miteinander in Beziehung stehen. Wie gehe ich als Führungsverantwortliche/r mit meinen Fehlern und Lernerfahrungen um? Wie gehen meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit meinen Fehlern als Führungsverantwortliche/r um? Wie gehe ich als Führungsverantwortliche/r mit den Fehlern meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um? Und wie gehen meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihren Fehlern in Richtung ihrer Vorgesetzten um?

Der Weg von einer „Fehlerkultur“ zu einer „Lernkultur“ ist somit ein multidimensionales Beziehungsgeschehen. Er lebt von den Menschen, die diesen Weg gemeinsam in ihrem beruflichen Umfeld gehen. Ihr Umgang miteinander gestaltet Kultur – im positiven und im negativen Sinn. Damit eine Lernkultur ins Leben kommt, braucht es nur noch ein Wort – und das besteht aus drei Buchstaben: TUN.

Sind Sie neugierig geworden? Schicken Sie mir eine E-Mail an volz-neidlinger@vn-p.de oder rufen Sie mich an unter 07725 914754. Ich unterstütze Sie gerne!

Martin Volz-Neidlinger

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